Die chinesische Geschichte vermittelt das seltene Bild langfristiger Kohärenz, der Zusammengehörigkeit und Entwicklungkultureller Traditionen über einen langen geschichtlichen Zeitraum hinweg. Keine andere große Kultur des Altertums hat etwas Vergleichbares erreicht. Dazu trug ganz wesentlich bei, dass kostbare Objekte, die man als bedeutsam für die chinesischeIdentität empfand, beharrlich gesammelt und überliefert wurden – innerhalb bestimmter Familien, besonders aber, und in großem Umfang, durch die Kaiser aller Dynastien seit der Reichseinigung 221 v. Chr.
Zu Beginn ging es nicht um ästhetische Qualität. In der chinesischen Vorstellung erhielt jede Dynastie ein himmlisches Mandat, jeder Kaiser war ein „Sohn des Himmels“, und der Besitz von Ritualgegenständen gehörte zu den Insignien seiner Macht. Nach den Weisungen des Konfuzius sollte der Herrscher aber auch Kunstkenner sein, möglichst selbst Kalligrafie, Malerei und Dichtkunst beherrschen. Also wurde die Sammlung zunehmend durch Objekte ergänzt, deren künstlerische Vollkommenheit zum wesentlichen Kriterium für ihren Erwerb wurde. Große Bestände an Gemälden, Kalligraphien, Porzellangegenständen, Bronzen, Lack- und Emailarbeiten, Tapisserien sowie Holz- und Jadeschnitzereien kamen so zusammen. Zu Beginn seiner Regierungszeit nahm der jeweilige Herrscher die Sammlung demonstrativ in Besitz. Auf Bildern oder Schriftrollen brachte er sein Siegel an und fügte Kommentare oder kalligraphische Ergänzungen hinzu. Während die rituellen Objekte zuvor Garanten eines himmlischen Mandats gewesen waren, wurden die Kunstwerke jetzt zum Zeichen für die berechtigten Ansprüche ihres Besitzers auf die Herrschaft im weltlichen Staat.
Daher wurde dem Schicksal der großen kaiserlichen Sammlungen im Auf und Ab der chinesischen Geschichte große Bedeutung beigemessen. Unter schwachen Herrschern kamen Teile der Bestände abhanden, gelegentlich mussten sogar Hofbeamte mit Kunstwerken bezahlt werden, weil das Geld fehlte. Starke Kaiser waren bemüht, die Sammlung wieder aufzufüllen und so ihreLegitimation zu unterstreichen. Manche Stücke verschwanden vier- bis fünfmal im Lauf der Zeit und kehrten wieder zurück. Der Zustand der kaiserlichen Sammlung war ein recht zuverlässiger Gradmesser für die Stärke der jeweiligen Zentralgewalt. Diese traditionelle Verknüpfung wirkt bis in die heutige Zeit hinein und erklärt zum Teil das besondere Engagement, mit dem Peking und Taipeh in der Frage ihrer Palastmuseen auftreten.
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