Verbotene Stadt, Himmelstempel oder Sommerpalast: Wer zum ersten Mal nach China kommt, macht Bekanntschaft mit einer exotischen Architektur, die sich grundlegend von der westlichen Bauweise unterscheidet. Das Beijing Ancient Architecture Museum erklärt, was es mit der traditionellen chinesischen Baukunst auf sich hat.
Verschnörkelte Pagoden, weitläufige Tempelanlagen und prachtvolle Kaiserpaläste: Wer zum ersten Mal nach China kommt, macht Bekanntschaft mit einer exotisch anmutenden Architektur, die sich grundlegend von der westlichen Bauweise unterscheidet. Die Verbotene Stadt, Himmelstempel und Sommerpalast sind weltbekannte Beispiele dafür.
Das Beijing Ancient Architecture Museum erklärt, was es mit der traditionellen chinesischen Baukunst auf sich hat und erzählt ihre Geschichte von der Urzeit bis zur Qing-Dynastie (1644-1911). Zahlreiche Abbildungen, Fotos und aufwändige Modelle geben einen anschaulichen Überblick über typische Bautechniken und herausragende Bauwerke.
Untergebracht ist das im September 1991 eröffnete Museum - eigenen Angaben zufolge das erste, das sich auf die Sammlung, das Studium und die Ausstellung historischer chinesischer Architektur konzentriert - im Xiannong-Tempel im Bezirk Xicheng im Süden Beijings, es ist sozusagen ein Museum im Museum. Die im 15. Jahrhundert erbaute Tempelanlage im Westen des Himmelstempels war während der Ming- und Qing-Dynastie und in jedem Frühling Schauplatz feierlicher Zeremonien und kaiserlicher Opfergaben an den Gott des Ackerbaus.
Heute verirren sich meist nur vereinzelte Besucher in die ruhige Oase abseits des hektischen Stadttrubels und wandern im Schatten jahrhundertealter Bäume durch die Tempelhallen von einer Architekturepoche in die andere. Ein Großteil der Ausstellung ist in der 1532 erbauten 52 Meter breiten und 24 Meter langen Jupiterhalle untergebracht. Sie ist mit ihren schwarz und grün glasierten Dachziegeln und dekorativen Holzmalereien im Innenraum eins der prächtigsten und am besten erhaltenen Gebäude des Xiannong-Tempels.
Der Kontrast zu den ältesten Zeugnissen der chinesischen Architekturgeschichte, von denen das Museum einige Nachbauten zeigt, könnte da nicht größer sein: Es waren einfache, strohgedeckte Hütten, die vor rund 6000 Jahren zum Schutz vor Tieren auf Pfählen errichtet wurden. Gebaut wurde in der Frühzeit aus gestoßener Erde, wie beispielsweise die älteren Abschnitte der Großen Mauer zeigen, oder mit Lehm. Bis zum Beginn der Tang-Dynastie (617-907) griffen Baumeister bevorzugt auf Holz als Baumaterial zurück, erst danach wurden vermehrt Steine und Ziegel eingesetzt. Holz war flexibel und daher erdbebensicher, aber auch brandgefährdet und witterungsanfällig. Einen Eindruck von den Holzgebäuden dieser frühen Zeit können heute daher oft nur noch die Tonmodelle aus der Han-Dynastie (25-220) vermitteln, die als Grabbeigaben fungierten und ebenfalls im Museum ausgestellt sind.
Meister der Holzkonstruktion
Dennoch spielte Holz auch in der chinesischen Bautechnik der Folgezeit eine buchstäblich tragende Rolle, wie zahlreiche Exponate des Museums veranschaulichen. Anders als im Westen fungierten Wände nämlich nicht als tragende Elemente, sondern das Dach ruhte auf gewaltigen Balken und runden Holzsäulen. Sie waren durch so genannte Dougong (Ochsenkopfkapitelle) verbunden, ein einzigartiges Element der chinesischen Architektur, das sich in der Tang- und Song-Dynastie (960-1279) zu einem technisch immer komplexeren Stützsystem mit dekorativem Mehrwert entwickelte. Ebenfalls typisch für ein traditionelles chinesisches Gebäude: Sein Holzrahmen wurde nicht durch Nägel oder Leim zusammengehalten, sondern allein durch Zapfen und Nute verbunden, was für größere Flexibilität sorgte.
Chinesische Zimmermänner und Schreiner brachten es aber auch in ästhetischer Hinsicht zu einiger Meisterschaft. Davon zeugen die im Museum ausgestellten Gitterdecken aus vielfach ineinander verschachtelten Holzstreben sowie ein Modell der farbenprächtigen und reich verzierten Kassettendecke des Beijinger Longfu-Tempels, ein besonders eindrucksvolles Beispiel der chinesischen Zaojing-Kunst. Neben dem 108-teiligen Modell des historischen Beijing zählt dieses Exponat zu den Höhepunkten des Museums. Im Zentrum der schirmförmigen Holzdecke befindet sich eine Horoskopkarte, jede Sternenkonstellation ist in kunstvoller Schrift notiert. Das architektonische Meisterwerk gilt heute noch als unverzichtbar für das Studium der historischen Astronomie.
Bauprinzipien Symmetrie und Hierarchie
Einige grundlegende Merkmale der chinesischen Architektur, die sich in ganz Ostasien verbreitete, blieben über die Jahrhunderte konstant. So spielte die Symmetrie als Symbol für Ausgewogenheit und Harmonie eine wichtige Rolle. Die meisten Bauwerke wurden auf einer steinernen Plattform errichtet und waren weniger als drei Stockwerke hoch, anders als in der westlichen Architektur wurde die Horizontale und somit die Weite und Großzügigkeit eines Bauwerks betont. Gebaut wurde, dies war ebenfalls anders als im Westen, um einen freien Raum herum. Das Museum zeigt zwei prägnante Beispiele dafür, die Tulou-Rundhäuser in der Provinz Fujian und die Beijinger Wohnhöfe, die Siheyuan, in deren Zentrum sich ein Schrein zur Ahnenverehrung befand, um die Wohn- und Nutzgebäude gruppiert waren. Ein weiteres typisches Merkmal alter chinesischer Architektur waren ausladende Giebeldächer. Für sie existierten genaue Klassifikationssysteme, die beispielsweise bei Palästen und Tempeln geschwungene, überkragende Dachbalken vorschrieben. Auch klimatische Bedingungen spielten beim Bauen eine Rolle: So waren die Wohnhöfe im kälteren Norden nach Süden ausgerichtet, um von der Sonneneinstrahlung zu profitieren, im Süden sorgten Luftschächte für Abkühlung.
Die Ausstellung wirft aber auch einen Blick auf die besonderen Merkmale unterschiedlicher Gebäudetypen, ob einfache Wohnhäuser, großflächige Tempelanlagen oder prächtige Kaiserpaläste, von denen die bekanntesten Bauwerke wie etwa der Himmelstempel als maßstabsgetreue Modelle nachgebildet sind.
Wie die traditionelle chinesische Gesellschaft folgte auch die Baukunst streng hierarchischen Prinzipien, es war eine Art „Klassenarchitektur" mit unterschiedlichen Regeln für die einzelnen Gebäudekategorien. So waren Geschosszahl, Abmessungen und Farben der Wohnhöfe je nach der sozialen Position ihres Eigentümers gesetzlich festgelegt. Die hierarchische Abstufung setzte sich im Innenraum fort. Jüngere Familienmitglieder mussten mit den Außenflügeln vorlieb nehmen, während die ruhigere Rückseite für die ältere Generation reserviert war.
Andere Merkmale waren wiederum Tempeln oder kaiserlichen Gebäuden vorbehalten. Typisch waren hier ein besonders aufwändiges Stützgebälk im Dach, purpurrote Wände, zahlreiche Drachenfiguren zur Dekoration und gelb glasierte Dachziegel, über deren Herstellungstechnik das Museum seine Besucher ebenfalls informiert. Eine besondere Eigenheit der Kaiserpaläste waren Tore mit fünf Bögen, von denen der mittlere allein dem Kaiser vorbehalten war. Und nur hier fand die „kaiserliche" Zahl Neun in Bauplänen Berücksichtigung, etwa in den angeblich 9999 Räumen der Verbotenen Stadt, die damit nur über einen Raum weniger als die Paläste des Himmels verfügte, ein Zeichen für die absolute Autorität des Kaisers, die vor allem in der Architektur Nordchinas zum Ausdruck kam.
Die Paläste der Qing- und Ming-Kaiser zählen sicher zu den Höhepunkten chinesischer Baukunst, die seit dem frühen 20. Jahrhundert unter den Zwängen moderner Stadtplanung und dem Einfluss europäischer Architektur allerdings an Bedeutung verlor. Es sind Bauten, die auch in der westlichen Fachwelt große Beachtung fanden. Vielen anderen historischen Gebäuden wurde diese Aufmerksamkeit nicht zuteil. Das mag auch daran liegen, dass in China, anders als im Westen, nur wenig Architekturliteratur und noch weniger Übersetzungen davon entstanden sind. Das Yingzao Fashi, eine Art Architektur-Enzyklopädie aus dem 11. Jahrhundert, sowie aus der Qing-Dynastie überlieferte Baunormen stellen seltene Ausnahmen dar. Sich über historische Architektur in China zu informieren, ist also nicht ganz leicht. Das Beijinger Museum füllt hier eine wichtige Lücke.
Info:
Beijing Ancient Architecture Museum
Adresse
: 21 Dongjing Road, Bezirk Xicheng, Beijing
Anfahrt
: Bus 2, 7, 15, 20, 110 oder 120 bis Haltestelle Tianqiao oder mit U-Bahnlinie 4 bis zur Haltestelle Taoranting, von dort ca. 20 Minuten Fußweg
Öffnungszeiten
: Dienstag bis Sonntag, 9 bis 16 Uhr
Eintrittspreis
: 15 Yuan, am Mittwoch freier Eintritt für die ersten 200 Besuche
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